Startseite
  Archiv
  Mein Jahr als FSJ
  Was fehlen wird...
  Meine Zeit
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 



  Links
   Multikultur
   Durbanville
   Cheetahs



http://myblog.de/riagoessouthafrica

Gratis bloggen bei
myblog.de





South Africa 2008 FAZ Zeitungsbericht - Eine Reise zu sich selbst -

Vier Monate sind nun vergangen, seitdem ich wieder in Deutschland bin. Eigentlich sollte ich noch immer in diesem Land sein. In dem Land, für das ich mich über zwei Jahre lang vorbereitet habe, welches mir Kraft für die gesamte harte Lernphase des Abiturs gegeben hatte. Ein Land, welches mir noch unbekannt war, mich faszinierte. Südafrika. Da ich schon immer vorhatte, nach dem Abitur ins Ausland zu gehen, und dies nun immer näher rückte, beschloss ich im November letzten Jahres, mich bei einer Organisation für zwölf Monate  Südafrika zu bewerben. Ich wollte mich dort in einem sozialen Projekt betätigen, neue Traditionen und Kulturen kennenlernen und wie sagt man so schön: „über den Tellerrand hinausschauen“. Ich strebte danach, weit weg von vertrauter Gewohnheit, Reichtum und Alttag zu gelangen. Ich wollte Neues entdecken.
 Ich fand eine Organisation, die meinen Vorstellungen entsprach. Das Projekt beinhaltete eine neunmonatige Arbeit  in einem Kinderheim und einer dreimonatigen Beschäftigung in einer  Gepardenaufzuchtstation. Ich war begeistert und eiferte dem 13.Juli dieses Jahres entgegen, an dem es hieß, Abschied zu nehmen. Abschied von der Familie, Freunden und der Heimat. Vor allem aber bedeutete es für mich, alles bisher als selbstverständlich „Gewohnte“ zurückzulassen. Schmuck, gute Klamotten, Hygiene und die sichere gesundheitliche Versorgung sollten nun für ein Jahr in den Hintergrund rücken. Ich war bereit für ein vollkommen neues Leben in einem Land voller Kontraste.
Die Vorfreude war groß und ich war sicher, dass ich dort in dem Süden Afrikas das finden würde, wonach ich zuvor im Leben gesucht hatte: Zufrieden- und - Gelassenheit unter „einfachen Verhältnissen“.
Nach einem langen Flug kam ich endlich an, in dem Land meiner Träume. Es war Winter in Afrika, demnach waren die Temperaturen etwas niedriger als in dem sommerlichen Deutschland. Nach einer kurzen landschaftlich wundervollen Orientierungswoche rund um Kapstadt begann nun die Fahrt mit einem anderen Mädchen in das Kinderheim, welches ca. 20 Minuten mit dem Auto von Kapstadt entfernt war. Der erste Einruck dieses Heims war doch prägend.
Es gab mehrere Gebäude auf einem Grundstück des Kinderheims, wo jeweils die Kinder in Gruppen untergebracht waren und dort lebten. Meine Vorstellung von einem gemeinsamen Speisesaal, welche ich all die Monate zuvor hatte, wurde nicht bestätigt, da die Kinder wie gesagt in unterschiedliche Häuser aufgeteilt waren und dort ihre eigene Wohneinrichtung besaßen. Für uns Volunteere gab es ein eigenes Haus. Dort lebten zur Zeit meiner Anwesenheit ca. noch dreißig andere Freiwillige, 25 davon kamen aus Deutschland.  In dem Kinderheim lebten rund 150 Kinder. Die Organisation teilte mir zuvor mit, dass ungefähr 60 Kinder dort leben und fünfzehn Freiwillige sich dort aufhalten, um den Betreuern zu helfen und um den Kindern ein guter Freund zu sein. Erste Zweifel kamen….
Als ich nach mehreren Tagen endlich über die Arbeit mit den Kindern und das Vorgehen und Leben in dem Heim aufgeklärt wurde, begann meine Arbeit. Die Arbeit bestand aus zwei Schichten. In der ersten Woche standen uns Freiwilligen zwei freie Tage zu, in der zweiten Woche vier. Meine Arbeit bestand darin, den Kindern  im Alltag zu helfen, sei es das morgendliche Wecken und Anziehen, bei den Hausaufgaben oder bei der Vorbereitung des Essens. Leider waren alle Kinder, die im Alter von ein bis siebzehn Jahre alt waren, in der Lage sich selbst zu verpflegen und sich selbst zu helfen. Leider sage ich nun deshalb, da es für mich somit nichts zu tun gab. Im Grunde genommen war ich von der Selbstständigkeit der Kinder beeindruckt. So etwas habe ich zuvor selten gesehen. Die Kinder in diesem Land lernen schon früh auf eigenen Beinen zu stehen, sich selbst zu helfen. Aufgrund dieser Tatsache fühlte ich mich oft nutzlos und überflüssig, was meine Arbeit betraf. Des Öfteren wurde ich auch im Nachtdienst eingetragen. Diese Arbeit bestand darin, die Kinder fünfmal in der Nacht zu wecken, um sie auf Toilette zu schicken. Ich verstand den Sinn zuerst nicht, weshalb sie in gewisser Art und Weise gezwungen werden, nachts, ohne eigenständiges Bedürfnis, auf Toilette zu gehen. Man erklärte mir, dass es notwendig sei, da sie sonst ihr Bett verschmutzen könnten, wenn sie schlechte Träume haben. Als ich dann einen kleinen Jungen nachts auf Toilette schickte, dieser aber doch sehr müde und somit nicht in der Lage war,   seine Blase zu entleeren, schickte ich ihn zurück in sein Bett. Daraufhin wurde ich von den Child Care Worker angeschrien und gezwungen dieses Kind zu schlagen. Ab da wurde mir klar, dass ich mir das Ganze doch einfacher und friedvoller vorgestellt habe, als es in Wahrheit war. Es begann ein Kampf. Ein Kampf mit mir selbst und den Child Care Worker.  Ich stellte unangenehme Fragen und versuchte den Erziehern näherzubringen, dass es sinnvoller sei, nach dem Grund des nächtlichen „Versehens“ der Kinder zu suchen, als sie dafür zu bestrafen, wenn sie nachts nicht den gewohnten Toilettengang gehen wollten beziehungsweise konnten. Mein Verhalten traf auf Missverständnis und Aggressivität. Ich selbst wurde für mein Interesse und Engagement geschlagen und angeschrien, denn man mochte es dort nicht, wenn man Fragen stellte.
Ich warte bis jetzt auf Antworten.
 Ich war eine der wenigen Freiwilligen, die nachfragte, hinguckte und sich nicht zwingen ließ Kinder zu schlagen. Viele der anderen Freiwilligen waren eher damit beschäftigt, das Nachtleben Kapstadts zu planen. Eine Tatsache, die mich mit der Zeit auch immer mehr geschwächt hatte. Im Grunde genommen standen Kerstin, welche mit mir zusammen in das Kinderheim gekommen ist, und ich ganz alleine da. Als wir die Organisation baten, uns beiden zu helfen, wurden uns Desinteresse und Missverstehen entgegengebracht. All die Versprechungen, die sie uns zuvor gemacht haben, sei es bezüglich der Verpflegung und Unterbringung, der Kosten oder der Vorbereitung auf unsere Arbeit mit den Kindern, waren nichts als heiße Luft. Niemand sagte uns, wie man mit diesen Kindern, die schwierige Schicksale hatten, umzugehen hat. Ich war überfordert. Zweifellos. Die Kinder waren aggressiv und absolut negativ auf uns Freiwillige gestimmt. Sie waren brutal und einige pflegten bereits den Umgang mit Waffen. Ich selbst konnte mich einmal nur schwer gegen einen Jugendlichen wehren, als er versuchte, meinem Körper näher als es mir recht war zu kommen.
Kerstin und ich beschlossen nach einiger Zeit, die wir uns gaben, um das Ganze besser einschätzen zu können, alles zu versuchen um das Projekt zu wechseln. Die Organisation allerdings stellte auf stur. Sie weigerten sich, die Gründe unseres Wechsels zu verstehen, weshalb wir es moralisch nicht mit uns vereinbaren konnten, in diesem Heim noch länger zu bleiben. Nach langen Diskussionen und gescheiterter Unterstützung hielt sie es dann für besser, sich gar nicht mehr bei uns zu melden. Die Notfallnummer der Organisation war entweder besetzt oder das Handy war ausgeschaltet. Wir schauten uns das nicht länger mit an und versuchten, in anderen Projekten ohne Organisation Fuß zu fassen. Leider wurde uns oft geraten, dies zu unterlassen, da man in diesem Land als Frau und hinzu noch als blonde Europäerin absolut nicht sicher ist. Ich selbst habe in diesen zwei Monaten viele Schutzengel bezüglich der eigenen Sicherheit gehabt und weiß, dass man in diesem Land jeden Rat annehmen sollte, den einem ein Einheimischer gibt. Dieses Land ist wunderschön zu bereisen, es bietet eine wunderbare und vielfältige Flora und Fauna. Ich habe in dieser kurzen Zeit sehr viel gesehen und habe mich in dieses Land verliebt. Die Menschen sind lebensfroh und sie sagen von sich selbst, dass sie zwar arm aber dennoch glücklich sind. Sie mögen es nicht, wenn man Mitleid mit ihnen hat. Im Gegenteil. Sie erwarten fast Bewunderung, welche sie in meinen Augen auch zutiefst verdient haben. Ihre Art zu leben und Misserfolge zu akzeptieren ist einzigartig. Sie machen das Beste aus ihrer Armut, die dieses Land beherrscht.
Doch leider ist dieses Land noch lange nicht so weit wie andere Länder. Auch wenn es nicht mehr zu den eigentlichen Entwicklungsländern zählt  wird. Hilfe dringend benötigt. Die Sicherheit weist sehr große Mängel auf. Auch noch heute,  und vor allem nach der Amtszeit von Nelson Mandela. Als „Weißer“ wird man noch immer nicht von jedem willkommen geheißen. Es erwarten einen Blicke, die einem Angst machen können, die einen verunsichern.
Ich konnte teilweise das Kinderheim nur noch mit großer Angst verlassen. Täglich werden in Südafrika ca. 900 Menschen umgebracht und 300 vergewaltigt. Tagtäglich! Wenn man diese Zahlen liest, kann man es kaum glauben; doch noch während meines Aufenthalts habe ich einige Erfahrungen machen müssen, weswegen ich mir diese hohe Anzahl erklären kann.
Ich beschloss zusammen mit meiner Familie, dass es nach unzähligen Versuchen, in andere Projekte zu gelangen, und nach gescheiterten Verzweiflungsversuchen, die Organisation um Hilfe zu bitten, das Beste sei, wenn ich sicher und einigermaßen gesund nach Hause komme.
 Ein Schritt, der nicht einfach für mich war. Aufgeben. Was werden wohl die Leute daheim sagen? Jeder wird fragen und keiner wird es wirklich verstehen können. Ich wollte nicht nach Hause, ich wollte kämpfen, weitermachen, irgendwie. Doch leider wurden mir immer öfters Grenzen gesetzt. Ich habe Dinge erlebt und gottseidank überlebt, die dazu führten, dass ich nach zwei Monaten entschied, den Heimflug zu buchen.
Ich verbrachte noch zwei Tage in einem guten Hotel an der Waterfront und flog nach Hause. Ein Rückflug, der mir sehr schwer fiel, der sein musste, nicht aber aus tiefster Willenskraft.
Zwei Monate, keine lange Zeit, aber diese Zeit veränderte mein Leben grundlegend. Das, was ich nach zwölf Monaten erreichen wollte, „gelang“ mir in nur zwei Monaten- erst jetzt weiß ich es wirklich zu schätzen, wie sicher und in einem welchen Wohlstand wir hier in Deutschland leben (können). Diese Sicherheit ist nicht selbstverständlich. Nichts, was wir hier haben ist selbstverständlich. Andere Menschen müssen um ihr tägliches Brot kämpfen und hart arbeiten, während wir in den Supermarkt gehen und uns keinerlei Gedanken machen, wie und unter welchen Umständen eins der Produkte hergestellt werden.
Ich bin sehr froh diese Erfahrung gemacht zu haben, auch wenn ich an Grenzen gestoßen bin, die es mir leider  nicht ermöglicht haben, noch länger in diesem Land zu verweilen. Ich bin an moralische und vor allem aber an persönliche Grenzen gestoßen, an denen ich noch lange zu zehren habe. Ich bedanke mich bei dieser Reise. Durch sie habe ich sehr viel gelernt, bin daran gewachsen und  bin zum Nachdenken gekommen. Das Nachdenken über das Leben, das Glück und die Vollkommenheit. Dinge, die mich in Rage brachten, verletzten oder stutzig machten, gehören jetzt der Vergangenheit an. Was wirklich zählt im Leben ist weder Geld, Anerkennung noch Erfolg. Was wirklich zählt ist Liebe, Verständnis, Vertrauen und Geborgenheit. Leider gibt es zu viele Menschen, die diese Dinge nicht haben.
Ich habe eine wahre Freundin gefunden und viele unterschiedliche Charaktere kennengelernt.
Ich kann und werde diese Zeit nie vergessen und kann hiermit an die Menschen, die sich für einen Auslandsaufenthalt in einem dieser „schwierigen und umstrittenen“ Länder interessieren, nur weiterempfehlen, sich eine wirklich gute und sichere Organisation zu suchen. Die Suche wird nicht einfach sein, jedoch wird die Zeit, die darauf zusammen mit deren Unterstützung folgt, denke ich sehr viel einfacher und friedvoller sein, als sie es  bei mir war.
Diese Reise gab mir die Chance, mich selbst und andere Menschen neu zu entdecken, auch gerade nach meiner Rückkehr hier zu Hause; vielleicht kann man sogar von "richtig Kennenlernen" sprechen; wenn auch auf eine sehr schmerzhafte und für mich unvergessliche Art und Weise.
Jetzt beginnt ein neuer Lebensabschnitt, der von der von mir gemachten Erfahrung geprägt sein wird. Eine Erfahrung, die mich im zukünftigen Studium und auch danach begleiten wird.

15.12.08 02:00
 


Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung